Wenn ich einen Roman schreibe, stehen bei mir immer die Charaktere und deren Persönlichkeiten im Vordergrund. Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber, wer die Figuren überhaupt sind, was sie erlebt haben, wie sie aufgewachsen sind, welcher Partner zu ihnen passt, welche Probleme sie meistern müssen – im Leben und in der Beziehung. Ich werde deswegen hin und wieder, wenn ich Zeit, Lust und Laune habe, einige meiner Überlegungen und Gedanken, die ich mir zu meinen Figuren gemacht habe, niederschreiben. Es gibt auf meinem Blog die Kategorie »Bücherklatsch« – und genau darum geht es: Ich plauderte über meine Bücher und meine Charaktere. Jetzt mache ich den Anfang mit Sean und Casey aus Liebesglück und Lebkuchenhäuser.
S E A N C O N R O Y
Die Hauptidee zu dieser Figur war folgende: Ich wollte über jemanden schreiben, der sich in der Familie und im Leben ständig im Hintergrund gehalten hat, und dann, als die Umstände es verlangten, über sich selbst hinausgewachsen ist, Stärke bewiesen und Verantwortung übernommen hat.
Sean ist das mittlere Kind, denen nachgesagt wird, besonders diplomatisch zu sein. Er hat eine enge Beziehung zu seinem älteren Bruder Aiden, auch weil der Altersunterschied geringer ist (drei Jahre) im Vergleich zu seinem jüngeren Bruder Harry (sechs Jahre). Sean ist unkompliziert und zurückhaltend.
In der Familie hat er wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wurde deswegen gerne übersehen. Als Harry meint, Sean wäre der Lieblingssohn der Mutter, verneint er das. Er ist niemandes Lieblingssohn. Sean ist bescheiden, nicht fordernd. Er kennt seinen Platz in der Familie. Er jammert nicht, er fühlt sich nicht benachteiligt. Er hält die Familie zusammen, er kümmert sich um alles und jeden, aber auch ihm geht manchmal die Kraft aus.
Dass er für den Marathon trainiert, ist ein wichtiger Teil seines Charakters. Es symbolisiert seinen Willen, nie aufzugeben, einfach weiterzumachen, zu schauen, was noch in ihm steckt, wie weit er es schafft. Seine Grenzen auszuloten.
Auf den ersten Blick mag diese Familie wundervoll sein, aber sie ist auch in gewisser Weise dysfunktional. Die überfürsorgliche Mutter, der jüngere Bruder als Problemkind, der ältere Bruder, dessen Schicksal die ganze Familie belastet, Sean in der Mitte drin, auf den zu viel abgewälzt wird.
Gerade die Beziehung zu Aiden und die unausgesprochene Liebe und Verbundenheit, die man (hoffentlich) spürt, wenn die beiden zusammen sind, habe ich gerne geschrieben.
So viel kann ich schon verraten, dass es ein Wiedersehen mit den Brüdern im nächsten Band gibt. Da erzähle ich dann Harrys Geschichte.
C A S E Y O’ M U L L I G A N
Mit Caseys habe ich mich anfangs schwergetan, und tatsächlich habe ich diese Figur komplett umgeschrieben, als schon ein Drittel des Romans fertig war. Die Idee zu Seans Charakter stand schon sehr früh fest. Ich hatte von Anfang an eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ich diese Figur schreiben würde. Die Frage war nun, welche Frau zu ihm passt.
Caseys ist loyal und stark. Sie kann ihm die Unterstützung geben, die er braucht. Wenn sie eine Entscheidung getroffen hat, ist sie mit dem ganzen Herzen dabei. Zudem sehnt sie sich nach einer Familie, einem Zuhause — somit ist sie die perfekte Partnerin für Sean.
Was mich an Casey besonders reizte, war die Tatsache, dass sie nicht mit dem Talent gesegnet ist, auf andere sympathisch zu wirken. Es fehlt ihr an natürlichem Charme, auch hat sie ihren grimmigen Gesichtsausdruck nicht unter Kontrolle. Casey lässt sich davon nicht unterkriegen und versucht, mit ihrer Kompetenz und ihrem Fleiß zu punkten.
Die vielen Enttäuschungen in ihrem Leben haben sie geprägt. Sie ist vorsichtig geworden und will andere Menschen nicht zu schnell in ihr Herz zu schließen. Nicht nur aus Angst, verletzt zu werden, sondern auch aus Angst, andere zu verletzen. Dabei handelt es sich nicht um eine irrationale Angst.
Die ersten Begegnungen zwischen Casey und Sean verlaufen eher unerfreulich. Zum einen wollte ich damit zeigen, dass Sean auch eine sehr harte Seite hat. Nicht umsonst ist er so erfolgreich. Er nimmt keine Rücksicht auf andere, weil seine Familie an erster Stelle steht. Zwar ist er bestimmt nicht skrupellos, aber er ist auch kein Heiliger. Er erkennt recht bald, dass Casey das Herz am rechten Fleck hat, und ändert sein Verhalten.
Die Dynamik zwischen den Figuren ist mir immer wichtig. Sean ist es im Leben nicht erlaubt, sich mal entspannt zurückzulehnen. Deswegen habe ich es in den Liebesszenen Casey überlassen, die Initiative zu ergreifen. Dass Sean ihr ausreichend Zeit gegeben hat, ihre Entscheidung zu treffen, war mir auch wichtig, obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass manch einer beim Lesen gedacht hat, das war jetzt zu einfach. Aber dieses Verhalten spiegelt Seans Charakter perfekt wider: Er ist nicht fordernd, er bedrängt sie nicht. Auch zeigt es, wie sehr er ihre Bedürfnisse respektiert. Wenn ich meine Charaktere erschaffe, habe ich immer sehr genaue Vorstellungen von ihren Persönlichkeiten, Bedürfnissen, Verhaltens- und Denkweisen. Nicht immer löse ich jeden “Konflikt” durch direkte Kommunikation. Jede Figur ist anders. Jede Beziehung ist anders. Es ging mir darum, beiden genügend Zeit zu geben, sich richtig kennenzulernen, sodass sich beide sicher sein konnten, die richtige Entscheidung zu treffen.
Zum Abschluss verrate ich noch, dass Casey eine Zwillingsschwester hat, die bereits in einem vorherigen Band als Nebenfigur einen kurzen Auftritt hatte. Es wird also auch ein Wiedersehen mit Casey geben.